HiddenBuddy

Drei Herzen. Acht Beine. Und ein kleines Teufelchen.

Elena. Jessy. Und ich.

Am Bahnhof in Basel warteten Elena und eine kleine weisse Hündin auf mich. Jessy entschied offenbar zuerst, ob ich zu ihrer Familie gehören durfte.

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In einer Minute

Als ich Elena in Basel besuchte, wartete am Bahnhof auch ihre Westie-Hündin Jessy. Sie mochte mich sofort – was für Elena offenbar eine wichtige Auskunft war. Aus uns wurden drei Herzen auf acht Beinen. Jessy war verschmust, eigensinnig, eine Diva mit einer Schwäche für Schlammpfützen. Fast sechs Jahre teilten wir unseren Alltag. Mit sechzehn starb sie nachts auf meinem Schoss, während Elena uns zum Tierarzt fuhr. Ihr Platz in unserem Leben ist geblieben. Wenn ich an sie denke, sehe ich auch wieder das kleine weisse Mädchen am Bahnhof, das gegen mich offenbar nichts einzuwenden hatte.

Die ganze Geschichte

Ich bin damals mit dem Zug nach Basel gefahren, um Elena zu besuchen. Dass am Bahnhof offenbar noch jemand über meine weitere Zukunft mitentscheiden würde, wusste ich nicht. Die betreffende Dame war klein. Schneeweiss. Hatte vier Beine. Und hiess Jessy. Elena hatte sie zum Abholen mitgebracht. Ich sah diesen kleinen Westie, sie sah mich, und bei mir war es sofort passiert. Schockverliebt.

Natürlich war ich wegen Elena nach Basel gefahren. Wir hatten uns gerade erst kennengelernt, uns gut verstanden und Telefonnummern ausgetauscht. Am nächsten Tag hatte sie angerufen und mich zu sich eingeladen. Sonst hätte ich ja kaum im Zug gesessen. Aber dann stand da dieses kleine weisse Mädchen. Und auf einmal war aus meinem Besuch bei einer Frau eine Begegnung mit zwei Damen geworden. Eine davon nahm mich vom ersten Moment an ziemlich selbstverständlich in Beschlag. Ich hatte nichts dagegen.

Die Aufnahmeprüfung

Ich bin auf dem Land aufgewachsen. Tiere gehörten für mich früh zum Leben. Alles, was kreucht und fleucht, vom kleinen Getier bis zu Kühen und Stieren. Ich mochte sie, hatte wenig Berührungsängste und oft das Gefühl, dass sie mich ebenfalls mochten. Mir hat jedenfalls noch nie ein Tier etwas getan. Vielleicht hatte ich ein gutes Gespür. Vielleicht Glück. Wahrscheinlich von beidem etwas. Aber bei Jessy war die Nähe vom ersten Augenblick an besonders.

Sie kam zu mir, als wäre es gar nicht nötig, sich erst lange miteinander bekannt zu machen. Und danach war sie an meiner Seite. Was mich damals einfach freute, war für Elena offenbar erstaunlicher, als ich zunächst begriff. Jessy ging normalerweise nicht mit fremden Menschen mit. Sie hatte Elena. Und eine ältere Dame, die sich gelegentlich um sie kümmerte, wenn Elena arbeitete. Ihre Hunde-Tagesmutter, die das hervorragend machte. Das war ihr Kreis.

Irgendjemand anderes konnte noch so freundlich sein und einen Spaziergang anbieten. Jessy hatte ihre eigenen Vorstellungen davon, mit wem sie ihre Zeit verbrachte. Bei mir nahm ich die Leine, und wir gingen los. Sie marschierte mit. Ohne Zögern. Ohne Diskussion. Für mich war das schön. Für Elena war es offenbar eine ziemlich eindeutige Auskunft.

Was sie mir erst später erzählte

Irgendwann sagte Elena sinngemäss zu mir: «Wenn Jessy dich damals am Bahnhof nicht gemocht hätte, hätte ich dich wahrscheinlich gleich dort stehen lassen.» Da fährt man also mit dem Zug nach Basel. Freut sich auf eine Frau, die man interessant findet. Und weiss nicht, dass die eigene romantische Zukunft möglicherweise an einer kleinen weissen Hündin hängt. Zum Glück hatte mir vorher niemand erklärt, wie die Aufnahmeprüfung ablaufen würde. Ich wäre vermutlich noch nervöser gewesen.

Heute muss ich darüber lachen. Und manchmal frage ich mich tatsächlich, wie unser Leben verlaufen wäre, wenn Jessy damals eine andere Meinung von mir gehabt hätte. Vielleicht hätte Elena mich wirklich stehen lassen. Vielleicht hätte es trotzdem einen Weg für uns gegeben. Das kann keiner wissen. Ich weiss nur: Die kleine Dame mochte mich. Und ich mochte sie. Wer einmal in eine ähnliche Lage kommt, dem könnte ich vorsichtshalber einen Tipp geben: etwas Leberwurst an die Finger schmieren. Vielleicht hilft es.

Ich brauchte sie glücklicherweise nicht. Jessy hatte mich auch ohne Bestechung akzeptiert.

Von zwei Menschen zu einer kleinen Familie

Jessy war bereits Teil von Elenas Leben gewesen. Nun wurde sie Teil unseres gemeinsamen Lebens. Elena. Jessy. Und ich. Drei Herzen. Acht Beine. Wir waren viel unterwegs, fuhren in die Ferien, machten Ausflüge. Jessy war dabei. Sie gehörte zu unserem Alltag so selbstverständlich wie wir beide. Wo ich sass, war sie meistens nicht weit. Oft kam sie zu mir und legte ihren kleinen Kopf auf meinen Schoss. Einfach so. Ich streichelte sie. Sie blieb bei mir. Dafür brauchten wir keinen besonderen Anlass.

Ich kann dieses Bild noch heute sehen: diesen kleinen Kopf, ganz nah bei mir. Einen Hund, der mich gerade erst kennengelernt hatte und mir doch schon so viel Vertrauen entgegenbrachte. Aus dem ersten Moment am Bahnhof wurde etwas, das blieb. Wir waren ein Herz und eine Seele. Wobei das nun auf keinen Fall den Eindruck erwecken darf, Jessy sei ein kleines Engelchen gewesen, das den ganzen Tag bescheiden auf Streicheleinheiten wartete. Das wäre eine grobe Verkennung ihrer Persönlichkeit. Jessy war eine Diva.

Mit ausgesprochen eigenem Geschmack.

Die falschen Verehrer

Bei anderen Hunden hatten wir gelegentlich Mühe, ihre Auswahl zu verstehen. Da konnte ein wunderschöner Hund vor ihr stehen. Gepflegt, freundlich, aus menschlicher Sicht ein ausgesprochen ansehnlicher Kerl. Jessy hat ihn mit dem Arsch nicht angeschaut. Keine Chance. Dann tauchte irgendwo ein ziemlich zerzauster Strassenköter auf, und plötzlich war unsere kleine Dame Feuer und Flamme. Warum? Wir haben es nie wirklich herausgefunden.

Vielleicht war unser Geschmack einfach zu langweilig. Vielleicht erkannte Jessy etwas, das uns entging. Jedenfalls gab es bei ihr keine Möglichkeit, mit einer Empfehlung weiterzuhelfen. Sie entschied. Das galt auch für Grössenverhältnisse. Jessy war ein kleiner Westie. Nur hatte ihr das offenbar niemand überzeugend erklärt. Wenn ein grosser Hund vor ihr stand, war das für sie noch lange kein Grund, ehrfürchtig Platz zu machen. Einmal schaffte sie es tatsächlich, einen halbwüchsigen Rottweiler auf den Rücken zu legen.

Man muss sich diese beiden Hunde einmal nebeneinander vorstellen. Den Rottweiler. Und Jessy. Auf dem Papier hätte man die Rollen vermutlich anders verteilt. Jessy war flink, selbstbewusst und ganz offensichtlich der Meinung, dass Körpergrösse in solchen Fragen überschätzt wird. Ich weiss nicht, was der Rottweiler aus der Begegnung mitnahm. Aber dieser kleine weisse Hund dürfte zumindest einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben.

Ein Westie in zwei Farben

Vor dem Spaziergang war Jessy schneeweiss. Eine hübsche kleine Lady. Genau so, wie man sich einen West Highland White Terrier vorstellt. Nach dem Spaziergang war das Bild häufig etwas differenzierter. Oben weiss. Unten schwarzgrau. Irgendwo gab es eine Pfütze. Oder Schlamm. Oder eine andere Gelegenheit, sich gründlich einzusauen. Jessy fand sie. Zuverlässig. Ich glaube bis heute: Wenn auf einem kilometerlangen Weg genau eine Schlammpfütze gewesen wäre, hätte unsere Dame diese eine Pfütze nicht ausgelassen. Und dann kam sie nach Hause. Zweifarbig.

Mit einer Selbstverständlichkeit, als entspräche dieser Zustand ganz genau den Anforderungen an einen gelungenen Spaziergang. Die weisse Diva und das schlammgraue Unterteil gehörten bei ihr durchaus zusammen. Man konnte sich ansehen, was aus der kleinen Lady geworden war, und trotzdem musste man lachen. Sie war ja noch immer Jessy. Nur hatte sie unterwegs offenbar beschlossen, dass Schneeweiss allein auf Dauer etwas eintönig war.

Widerstand bei meinen Eltern zwecklos

Als Jessy zu meinen Eltern kam, zeigte sie eine weitere ihrer Begabungen. Menschen für sich einzunehmen. Vor allem meinen Vater. Die kleine Dame brauchte erstaunlich wenig, um ihn um den Finger zu wickeln. Diesen Blick. Ihren Charme. Und schon bekam sie praktisch alles, was sie wollte. Meine Mutter war nicht wesentlich widerstandsfähiger. Ich kann nicht genau erklären, wie Jessy das machte. Ich weiss nur, dass man bei ihr sehr schnell bereit war, Dinge zu tun, die man sich vorher vielleicht anders vorgenommen hatte.

Dieser kleine Hund hatte einen Willen wie ein ausgewachsener Stier. Und einen Charme, gegen den gestandene Erwachsene herzlich wenig auszurichten hatten. Vielleicht war genau das ihre besondere Mischung. Sie konnte sich auf meinem Schoss ganz nah an mich schmiegen. Und sie konnte mit derselben Selbstverständlichkeit bestimmen, mit wem sie spazieren ging, welcher Hund ihr gefiel und ob auf einem Weg noch eine Schlammpfütze mitgenommen werden musste. Ein kleines Teufelchen. Mit einem verdammt grossen Herzen.

Fast sechs Jahre

Fast sechs Jahre hatten wir gemeinsam. Für Jessy war es ein Teil ihres langen Lebens. Für Elena und mich waren es die ersten Jahre unseres Lebens zu dritt. Spaziergänge, Ferien, Ausflüge. Und dazwischen all die Tage, die keinen eigenen Titel bekommen. Man steht auf. Der Hund ist da. Man setzt sich hin. Ein kleiner Kopf findet seinen Platz auf dem Schoss. Man geht los. Jessy kommt mit.

Wir haben unser Leben damals nicht ständig angehalten, um uns zu sagen, wie besonders es war. Es war unser Alltag. Unsere kleine Familie. Und genau diese Selbstverständlichkeit vermisst man später. Den Hund, den man in seiner Nähe erwartet. Seine Eigenheiten, die man längst kennt. Den Blick, bei dem man weiss, was jetzt wieder gewünscht wird. Manchmal denkt man, die grossen Erinnerungen seien die Ferien und die besonderen Ereignisse. Bei Jessy sind es genauso die gewöhnlichen Momente. Sie gehörte zu uns.

Das musste man nicht jeden Tag neu feststellen. Es war einfach so. Jessy wurde sechzehn Jahre alt. Bis ins hohe Alter blieb sie erstaunlich gesund. Natürlich wurde sie älter. Aber sie war noch immer unsere kleine Dame. Unser Mädchen. Unser Teufelchen. Dann kam dieser eine Abend.

Die letzte Fahrt

Jessy begann stark zu hecheln. Sie fand keine Ruhe. Wir merkten, dass etwas nicht stimmte. Wir beobachteten sie. Und irgendwann war klar: Wir fahren zum Tierarzt. Es war schon Nacht. Elena setzte sich ans Steuer. Ich nahm Jessy auf meinen Schoss. Dorthin, wo sie so oft ihren kleinen Kopf gelegt hatte. Nur war diesmal alles anders. Wir waren unterwegs, weil wir ihr helfen wollten. Weil wir hofften, dass jemand herausfinden würde, was mit ihr los war. Dann wurde ihr Kopf plötzlich schwer.

Jessy hatte ihren letzten Atemzug gemacht. Auf meinem Schoss. In meinen Armen. Während Elena fuhr. Diesen Moment kann ich bis heute kaum erzählen, ohne dass mir die Tränen kommen. Wir waren mit ihr zum Tierarzt gefahren. Und unterwegs mussten wir uns von ihr verabschieden.

Das Mädchen vom Bahnhof

Sechzehn Jahre war sie alt geworden. Fast sechs davon hatten wir miteinander verbracht. Jetzt war unser Dreiergespann nicht mehr vollständig. Unser gemeinsames Leben hatte mit drei Herzen begonnen. Und plötzlich waren es nur noch zwei. Zwei ziemlich gebrochene. Jessy hatte uns eine schwere Entscheidung abgenommen. Wir mussten nicht darüber entscheiden, ob und wann wir sie einschläfern lassen sollten. Sie war bei uns gegangen. Das ist ein Gedanke, der mir von dieser Nacht geblieben ist. Er macht den Verlust nicht kleiner.

Ich hatte dieses kleine Mädchen in den Armen, das damals am Bahnhof so selbstverständlich auf mich zugekommen war. Das mich mitgenommen hatte in ein Leben, zu dem Elena und sie bereits gehörten. Und nun musste ich begreifen, dass sie nicht mehr mit uns weitergehen würde. Für diesen Abschied gibt es keinen Satz, der alles wieder gut macht. Aber es gibt fast sechs Jahre, die durch ihn nicht verschwinden.

Ihr Platz ist geblieben

Wir haben später weitere Hunde in unser Leben aufgenommen. Jeder brachte seine eigene Persönlichkeit mit. Seine Geschichte, seine Eigenheiten. Jeder bekam einen eigenen Platz bei uns. Jessys Platz musste dafür nicht frei werden. Er blieb ihrer. Auch die Hunde, von denen wir Abschied nehmen mussten, gehören weiterhin zu unserem Zuhause. Ihre Urnen stehen bei uns. Sie sind Teil unseres Lebens. Und wenn wir von ihnen erzählen, geht es um viel mehr als ihren letzten Tag.

Bei Jessy denke ich an ihren kleinen Kopf auf meinem Schoss. Aber ich sehe auch die Diva, die einen ausgesprochen hübschen Verehrer keines Blickes würdigte. Ich sehe die weisse Hündin vor dem Spaziergang. Und die zweifarbige danach. Ich denke an meine Eltern, die ihrem Charme wenig entgegenzusetzen hatten. Und an einen halbwüchsigen Rottweiler, der es ausgerechnet mit diesem kleinen Mädchen aufnehmen musste. Dann muss ich lächeln. Manchmal noch mit Tränen in den Augen.

Den nehmen wir.

Wenn ich heute an unser Kennenlernen zurückdenke, sehe ich wieder den Bahnhof in Basel. Elena. Neben ihr Jessy. Und mich, der gerade angekommen war und noch keine Ahnung hatte, wie wichtig dieser kleine Hund für unser gemeinsames Leben werden würde. Manchmal stelle ich mir vor, wie Jessy mich damals anschaute. Als hätte sie kurz geprüft, ob ich zu den beiden passe. Und dann für sich beschlossen:

Den nehmen wir.

Natürlich weiss ich nicht, was sie dachte. Vielleicht mochte sie mich einfach. Vielleicht war da nur dieser erste, selbstverständliche Moment zwischen uns. Aber aus ihm wurden fast sechs Jahre. Und Elena und ich sind heute verheiratet. Ob wir das auch ohne Jessys Zustimmung wären, kann ich nicht sagen. Eine kleine weisse Hündin hat jedenfalls von Anfang an ziemlich deutlich gezeigt, was sie von mir hielt. Ich habe sie dafür geliebt.

Und für ihre Frechheit. Für ihren eigenen Kopf. Für ihren zweifelhaften Geschmack bei Verehrern und ihren ausgezeichneten Geschmack bei Schlammpfützen. Für all das, was sie war. Drei Herzen. Acht Beine. Und dieses kleine Teufelchen, das am Bahnhof offenbar keine Einwände hatte. Danke, Jessy. Ich bin so froh, dass du mich damals nicht hast stehen lassen.

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MITEINANDER REDEN

Vielleicht ist beim Lesen ein Gedanke entstanden.

Wenn wir einmal miteinander reden sollten, dann reden wir.

Uwe Grabherr · Hagendorn, Schweiz

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