In einer Minute
Karl war zuerst mein Lieferant. Später bildete ich bei ihm Konstrukteur-Lehrlinge aus, entwickelte mit ihm Maschinen und begann nebenbei, Grills zu verkaufen. Er gab mir über 200 Quadratmeter für eine Grillschule – und den Freiraum, etwas daraus zu machen. Karl war kreativ, manchmal chaotisch und kein perfekter Chef. Einmal zerlegte er nachts eine bereits funktionierende Konstruktion, weil ihm eine bessere Lösung eingefallen war. Der Kunde wartete am nächsten Morgen vergeblich. Trotzdem hat Karl mich beruflich stark geprägt: durch Vertrauen, gemeinsame Verantwortung und die Freiheit, eigene Ideen auszuprobieren. Davon möchte ich heute meinen Mitarbeitern etwas weitergeben.
Die ganze Geschichte
Manche Menschen bringen einem etwas bei, indem sie einem erklären, wie etwas geht. Karl machte es anders. Er liess mich einfach machen. Vielleicht hat mich genau das stärker geprägt als mancher Mensch, der versucht hat, mir etwas beizubringen. Dabei begann unsere Geschichte ziemlich unspektakulär. Karl war mein Lieferant.
«Du hast keine Augen. Du hast ein Mikrometer.»
Damals war ich selbstständig und suchte eine mechanische Firma, die möglichst viel abdecken konnte. Drehen. Fräsen. Montieren. Mechanische Teile fertigen. Im Kanton Zug ist das gar nicht so einfach. Ich sage manchmal etwas überspitzt: Hier gibt es mehr Firmen als Einwohner. Und noch viel mehr Briefkästen. Dabei lag eine Firma, die ziemlich genau das konnte, was ich suchte, praktisch in meiner Nachbarschaft: Odermatt Technik AG.
Also ging ich irgendwann einfach vorbei. Sinngemäss: «Hey, ich habe da ein paar Sachen. Könnt ihr mir das machen?» Karl konnte. Und Karl machte. Zuverlässig. Allerdings gerne auf den letzten Drücker. Das gehörte irgendwie zu ihm. Was mich von Anfang an beeindruckte, war etwas anderes. Sein Augenmass. Ich habe immer zu ihm gesagt: «Karl, du hast keine Augen. Du hast ein Mikrometer.»
Der Mann konnte etwas anschauen und sagen, wie gross es war. Und es passte. Bei anderen hätte ich nachgemessen. Bei Karl wusste ich meistens: Das stimmt schon. So begann unsere Beziehung. Nicht als Freundschaft. Nicht als Partnerschaft. Nicht als grosse Lebensgeschichte. Kunde und Lieferant.
Dann kam mein Herzinfarkt
Mein Leben sah danach eine Zeit lang anders aus. Ich zog mich aus meiner Firma zurück und überliess sie meinem damaligen Geschäftspartner. Und plötzlich war da eine Frage, die vorher nicht da gewesen war: Was mache ich jetzt eigentlich? Karl kam auf mich zu. Er hatte Lehrlinge in der Konstruktion und brauchte jemanden, der sie ausbildete. Er fragte mich, ob ich das machen würde.
Meine Antwort war ungefähr: Ja. Aber auf meine Art. Ich wollte die Lehrlinge in meinem Tempo ausbilden. So, wie ich es für richtig hielt. Und ich wollte nicht permanent jemanden hinter mir haben, der mir erklärte, wie ich das zu tun hatte. Karl sagte sinngemäss: Mach. Und dann machte ich.
Aus Lehrlingen wurden irgendwann wieder Maschinen
Natürlich blieb es nicht bei der Ausbildung. Ich war Konstrukteur. Karl war ein unglaublicher Kreativkopf. Und irgendwann konstruierten wir wieder gemeinsam. Das war eine grossartige Zeit. Nicht unbedingt eine besonders geordnete. Aber eine grossartige. Karl und ich hatten beide die Fähigkeit – oder manchmal vielleicht auch die Macke –, Dinge ziemlich abstrakt zu denken. Bei Karl sah das beispielsweise so aus:
Morgens kam er mit einem aufgerissenen Briefkuvert in die Firma. Auf der Rückseite irgendwelche Linien. Pfeile. Kreise. Kritzeleien. Irgendetwas war ihm am Abend eingefallen. Ich hatte dafür mein Buch. Leere Seiten. Auch darin entstanden abends Dinge, die vermutlich für einen unbeteiligten Menschen wenig Sinn ergeben hätten. Am nächsten Morgen legten wir beides zusammen. Sein Kuvert. Mein Buch. Und dann ging es los.
Es gab keine schlechten Ideen
Zumindest nicht am Anfang. Wir warfen erst einmal alles in einen Topf. Von rechts. Von links. Von oben. Von unten. Was wäre, wenn? Warum eigentlich so? Kann man das drehen? Kann man das komplett anders machen? Manchmal waren wir am Abend überzeugt: Das ist es. Am nächsten Morgen schauten wir darauf und dachten: Wie konnten wir eigentlich so eine Scheisse planen? Also wieder von vorne.
Und manchmal machten wir fünf Schleifen, verwarfen alles, drehten die Konstruktion gedanklich dreimal auf links – und landeten am Ende fast wieder bei unserer ersten Idee. Das war dann auch in Ordnung. Denn jetzt wussten wir wenigstens, warum sie richtig war. Und vielleicht bekam sie noch hier und dort eine kleine Verbesserung. Was ich daran bis heute besonders mag: Es war nie Karls Konstruktion.
Und es war nie Uwes Konstruktion. Es war unsere.
Wer die Idee hatte, war vollkommen egal
Das klingt vielleicht nebensächlich. Für mich ist es das überhaupt nicht. Es gab kein: «Das habe ich erfunden.» Kein: «Meine Lösung war aber eigentlich besser.» Kein: «Wenn du auf mich gehört hättest …» Wenn die Maschine am Ende funktionierte, hatten wir sie gebaut. Und wenn sie nicht funktionierte, hatten wir ein Problem. Dann musste nachgebessert werden. Auch gemeinsam.
Vielleicht konnten wir gerade deshalb so frei denken. Eine Idee musste nicht verteidigt werden, nur weil sie einem von uns gehörte. Wenn Karls Idee Mist war, konnte sie weg. Wenn meine Mist war, genauso. Und wenn aus einem halben Gedanken von ihm und einem halben Gedanken von mir plötzlich etwas richtig Gutes entstand, stellte sich die Frage nach dem Urheber sowieso nicht mehr.
Es gehörte uns beiden.
Karl nahm Dinge an, an die sich andere nicht herantrauten
Das war ebenfalls typisch. Da kam irgendeine Aufgabe, bei der andere vielleicht gesagt hätten: Zu kompliziert. Zu speziell. Zu wenig Erfahrung. Zu grosses Risiko. Karl sagte erstaunlich oft: Machen wir. Das bedeutete allerdings nicht, dass wir bereits wussten, wie. Das fanden wir dann heraus. Manchmal tagsüber. Manchmal nachts. Und manchmal etwas zu spät.
Am Abend funktionierte es noch
Eine dieser Geschichten habe ich bis heute im Kopf. Wir bauten etwas für einen Juwelier. Ich weiss heute nicht einmal mehr sicher, ob darin später eine Uhr, ein Parfüm oder etwas anderes präsentiert werden sollte. Genau deshalb erfinde ich es nicht nachträglich. Entscheidend war die Mechanik. Etwas sollte automatisch von unten nach oben fahren und entsprechend präsentiert werden. Eine spezielle Konstruktion.
Und natürlich hatten Karl und ich zugesagt. Wir arbeiteten bis spät in die Nacht. Am nächsten Morgen sollte der Kunde kommen und das Ding abholen. Irgendwann funktionierte es. Endlich. Ich war müde. Karl auch. Wir waren praktisch die Letzten in der Werkstatt. Irgendwann ging ich nach Hause. Karl sagte ebenfalls, jetzt sei Feierabend. Am nächsten Morgen kam ich in die Werkstatt.
Und dort lag unsere funktionierende Konstruktion. In Einzelteilen. Auf der Werkbank.
Karl hatte noch eine Idee
Irgendwann in der Nacht oder am frühen Morgen war ihm offenbar eingefallen: Das geht noch besser. Einfacher. Eleganter. Was auch immer. Und wenn Karl so eine Idee im Kopf hatte, gab es ein Problem: Dann musste er sie ausprobieren. Auch wenn das Ding eigentlich fertig war. Auch wenn der Kunde gleich kam. Auch wenn es funktionierte. Er hatte es komplett zerlegt.
Die neue Idee ging nicht rechtzeitig auf. Der Kunde kam. Das Produkt war nicht fertig. Der Kunde war stinksauer. Vollkommen zu Recht. Das war Karl eben auch. Kreativität kann grossartig sein. Aber Kreativität kennt manchmal keine Uhr. Und gelegentlich wäre es wahrscheinlich besser gewesen, wenn einer von uns gesagt hätte: Finger weg. Es funktioniert. Das gehörte genauso zu unserer gemeinsamen Zeit.
Ich möchte Karl nicht nachträglich zu einem perfekten Mentor machen. Das war er nicht. Ich war übrigens auch kein perfekter Mitarbeiter. Vermutlich passte es gerade deshalb so gut.
Dann kamen die Grills
Eigentlich war ich bei Karl, um Lehrlinge auszubilden und zu konstruieren. Irgendwann wollte ich einen Keramikgrill für meine Terrasse. Aus einem wurden fünf. Vier musste ich irgendwie wieder loswerden. Also lud ich Menschen zum Essen ein. Vier Abendessen später waren die vier Grills verkauft. Dann kamen die nächsten. Irgendwann ein Webshop. Dann immer mehr Kunden. Und schliesslich der erste komplette Container mit 140 Grills.
Diese Geschichte habe ich an anderer Stelle ausführlich erzählt. Für die Geschichte mit Karl ist etwas anderes entscheidend: Er hätte jederzeit die Bremse ziehen können.
«Warum verkaufst du eigentlich Grills?»
Diese Frage hätte vollkommen berechtigt sein können. Schliesslich war ich nicht dafür zu ihm gekommen. Ich sollte Lehrlinge ausbilden. Konstruieren. Maschinen entwickeln. Und plötzlich verbrachte ich immer mehr Zeit mit Grills. Ein klassischer Chef hätte irgendwann vielleicht gefragt: Was hat das mit deiner eigentlichen Aufgabe zu tun? Wie viele Stunden stecken da drin? Warum bist du nicht in der Konstruktion? Karl fragte das nicht.
Er sah: Da passiert etwas. Es funktioniert. Es bringt Geld. Also: Mach. Heute klingt das fast banal. Für mich war es das nicht.
Der erste Grillkurs fand neben einer Baugrube statt
Auch das passt ziemlich gut zu dieser Zeit. Wir wollten einen Grillkurs machen. Eine richtige Grillschule hatten wir nicht. Was wir hatten, war eine Werkstatt. Und darin eine riesige Baugrube. Dort sollte später einmal eine Fräsmaschine stehen. Ein vernünftiger Mensch hätte vermutlich gesagt: Das ist kein Ort für einen Grillkurs. Ich dachte: Wir haben gerade keinen anderen. Also machten wir dort unseren ersten Kurs.
Zwischen Werkstatt und Baugrube. Nicht perfekt. Nicht durchgestylt. Aber gemacht.
«Dann räum doch den Raum leer.»
Bettina und Thomas waren bei einem dieser frühen Kurse dabei. Danach sagten sie: «Das ist mega. Du musst das weitermachen.» Ich fand das ebenfalls gut. Nur hatte ich ein kleines Problem. Wo? Draussen? Irgendeine provisorische Lösung? Dann kam Karl. Er zeigte sinngemäss auf einen Raum und sagte: «Dann räum den doch leer und mach dort deine Grillschule rein.» Der Raum hatte über 200 Quadratmeter.
Also räumten wir ihn leer. Und ich machte eine Grillschule daraus.
Und was für eine
Vier verschiedene Küchenzeilen. An jeder konnten mehrere Menschen arbeiten. Gas. Grills. Ausstattung. Alles, was wir brauchten. Eine richtige Indoor-Grillschule. Ich sage es heute noch: Das war vermutlich eine der geilsten Grillschulen, die es damals in der Schweiz gab. Jeden Samstag waren dort 15 oder 20 Menschen. Sie grillierten. Sie lernten. Sie probierten Produkte aus. Und danach gingen sie in den Laden. Und kauften.
Plötzlich war aus einer ziemlich verrückten Idee ein funktionierendes Geschäftsmodell geworden. Produkte nicht nur zeigen. Produkte erleben lassen. Auch hier hätte Karl hundert Fragen stellen können. Businessplan? Auslastung? Investition? Was hat eine Grillschule in einem mechanischen Unternehmen verloren? Stattdessen liess er mich wieder machen.
Vielleicht habe ich damals gar nicht gemerkt, was er mir eigentlich gegeben hat
Heute denke ich häufiger darüber nach. Karl hat mir nicht beigebracht, wie man Grillkurse veranstaltet. Er hat mir nicht beigebracht, wie man Keramikgrills verkauft. Er hat mir auch nicht erklärt, wie ich ein Geschäft aufbauen soll. Was er mir gegeben hat, war etwas anderes: Raum. Einen echten. Über 200 Quadratmeter für eine Grillschule. Aber vor allem einen im übertragenen Sinn. Raum, Dinge auszuprobieren. Raum, falschzuliegen.
Raum, meine Aufgabe zu verändern. Raum, eine Idee weiterzuverfolgen, obwohl sie ursprünglich überhaupt nichts mit meiner Stellenbeschreibung zu tun hatte. Vielleicht ist das viel wertvoller als jede Anleitung.
Karl war kein einfacher Mensch
Das gehört für mich ebenfalls dazu. Er war sehr gläubig. Nicht als Etikett. Er lebte seinen Glauben. Wenn er morgens mit dem Auto bei der Firma ankam, blieb er manchmal noch sitzen und betete für seine Mitarbeiter, bevor er ausstieg. Das beeindruckte mich. Nicht weil ich in allem dieselbe Sicht hatte. Wir haben viel über Gott und die Welt gesprochen. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Wir waren nicht immer einer Meinung. Das mussten wir auch nicht sein. Karl versuchte nie, mich zu bekehren. Wir konnten diskutieren. Widersprechen. Nachdenken. Auf Augenhöhe. Aber ich möchte daraus keine Heiligengeschichte machen. Karl konnte auch knallharter Geschäftsmann sein. Er hatte Seiten, bei denen ich heute sagen würde: Das würde ich anders machen. Vielleicht habe ich sogar daraus etwas gelernt.
Von Menschen lernt man schliesslich nicht nur durch die Dinge, die man übernehmen möchte. Manchmal lernt man genauso viel durch die Dinge, bei denen man denkt: Das ist nicht meins.
Vielleicht waren wir beide keine besonders klassischen Geschäftsleute
Karl war ein Kreativkopf. Ich bin einer. Vielleicht manchmal mehr Kreativköpfe als Geschäftsleute. Das konnte chaotisch werden. Die Konstruktion auf der Werkbank am Morgen ist dafür ein ziemlich gutes Beispiel. Aber vielleicht war genau diese Mischung auch der Grund, warum wir Dinge gemacht haben, an die sich andere nicht herangetraut hätten. Wir konnten etwas anschauen und sagen: Keine Ahnung, wie das geht.
Finden wir es heraus. Und wenn die erste Idee nicht funktionierte, kam die zweite. Oder die zehnte. Oder wir landeten wieder bei der ersten.
Vieles von dem, was ich heute Führung nenne, habe ich vielleicht dort gelernt
Nicht in einem Führungsseminar. Nicht aus einem Buch. Und Karl hat sich vermutlich morgens auch nicht vorgenommen: Heute bringe ich Uwe etwas über moderne Führung bei. Er hat es einfach getan. Er hat mir vertraut. Manchmal vielleicht mehr, als vernünftig gewesen wäre. Er hat mir Verantwortung gegeben. Und er hat nicht permanent kontrolliert, ob ich diese Verantwortung genauso nutzte, wie er selbst es getan hätte.
Ich kam zu ihm, um Lehrlinge auszubilden. Am Ende stand in seiner Firma eine Grillschule. Dazwischen lagen Maschinen, Konstruktionen, Keramikgrills, ein Webshop, Grillkurse und irgendwann ein Container mit 140 Grills. Wenn Karl mich jedes Mal gefragt hätte: «Steht das eigentlich in deiner Stellenbeschreibung?» wäre vermutlich vieles davon nie passiert.
Heute versuche ich, etwas davon weiterzugeben
Wenn ein Mitarbeiter bei mir etwas besser kann als ich, möchte ich ihn machen lassen. Wenn jemand eine Aufgabe entdeckt, die ihm liegt, muss sie nicht zwingend vorher im Organigramm gestanden haben. Wenn jemand eine Idee hat, möchte ich nicht zuerst zehn Gründe suchen, warum sie nicht funktioniert. Natürlich muss irgendwann gerechnet werden. Natürlich muss ein Unternehmen Geld verdienen. Und natürlich braucht Freiheit Verantwortung.
Ich habe inzwischen auch gelernt, dass man nicht jede funktionierende Maschine mitten in der Nacht noch einmal zerlegen sollte. Zumindest meistens nicht. Aber der Grundgedanke ist geblieben: Menschen können erstaunliche Dinge entwickeln, wenn man ihnen nicht permanent im Weg steht.
Karl und ich haben gemeinsam viel gebaut. Maschinen. Konstruktionen. Eine Grillschule. Und indirekt wohl auch einen Teil dessen, was später mein Berufsleben wurde. Ich weiss nicht, ob ihm damals bewusst war, welchen Einfluss diese Jahre auf mich hatten. Vielleicht muss ich ihn irgendwann einmal fragen. Aber wenn ich heute darüber nachdenke, was Karl mir wirklich gegeben hat, komme ich immer wieder auf denselben Satz:
Er hat mich nicht ständig geführt. Er hat mich nicht dauernd kontrolliert. Er hat auch nicht versucht, aus mir jemanden zu machen, der besser in seine Vorstellung passte. Karl hat mich einfach machen lassen. Und vielleicht hat er gerade dadurch ziemlich viel aus mir gemacht.
