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Wenn Ruhigsein ohrenbetäubend ist

Warum Führung auch bedeutet, die leisen Signale wahrzunehmen.

Ein Hinweis wird überhört. Eine Woche später sind alle alarmiert. Über die Lautstärke von Gedanken – und Menschen, die immer ruhiger werden.

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In einer Minute

Lautstärke sagt wenig über den Wert eines Gedankens aus. Trotzdem bekommen laute Menschen oft mehr Aufmerksamkeit als ruhige, zuverlässige Kollegen. Wenn deren Hinweise überhört werden, ziehen sie sich manchmal zurück – bis eine Kündigung für alle scheinbar überraschend kommt. Für mich gehört es deshalb zur Führung, auch leise Signale wahrzunehmen: Veränderungen im Verhalten, weniger Widerspruch oder eine Idee, die nicht mehr eingebracht wird. Dafür gibt es keine sichere Checkliste. Es braucht echtes Interesse am einzelnen Menschen. Laut sein ist nicht falsch. Aber Ruhe ist weder Passivität noch ein Beweis dafür, dass alles stimmt.

Die ganze Geschichte

Es gibt Menschen, die hört man schon, bevor sie eigentlich etwas gesagt haben. Sie betreten einen Raum und sind da. In einer Videokonferenz brauchen sie dafür nicht einmal einen Raum. Kamera an. Mikrofon an. Und los. Was habe ich gemacht? Was habe ich erreicht? Was funktioniert wegen mir? Was funktioniert wegen den anderen nicht?

Die eigene Meinung bekommt noch etwas mehr Nachdruck, indem sie lauter ausgesprochen wird. Wenn jemand widerspricht, wird eben noch einmal nachgelegt. Und irgendwann entsteht ein ziemlich merkwürdiger Effekt: Lautstärke wird mit Bedeutung verwechselt. Das beobachte ich schon sehr lange. Nicht nur in Videokonferenzen. In Unternehmen. In Vereinen. In Sitzungen. In Gruppen. Eigentlich überall dort, wo Menschen miteinander etwas bewegen sollen.

Und je länger ich Menschen beobachte, desto mehr interessieren mich die anderen. Die Ruhigen.

Ruhe ist nicht Abwesenheit

Ein ruhiger Mensch hat nicht automatisch nichts zu sagen. Vielleicht sagt er nur nicht alles, was ihm gerade durch den Kopf geht. Er muss auch nicht jede seiner Leistungen kommentieren. Er braucht vielleicht keine Bühne dafür. Manche Menschen arbeiten einfach. Sie beobachten. Denken. Machen. Und wenn etwas erledigt ist, gehen sie zum nächsten Punkt. Das Problem dabei: Ruhe lässt sich leicht übersehen.

Wer seine Arbeit nicht permanent kommentiert, wirkt neben jemandem, der jeden kleinen Erfolg mit Trommelwirbel ankündigt, schnell weniger präsent. Wer in einer Sitzung nicht um jedes Wort kämpft, wird leichter unterbrochen. Und wer einen Gedanken ruhig ausspricht, erlebt manchmal etwas besonders Interessantes.

«Ja, ja. Ist halt so.»

Nehmen wir ein sicherheitsrelevantes Thema. Ein ruhiger Mensch sieht etwas. Er spricht es an. Nicht dramatisch. Nicht mit erhobener Stimme. Nicht mit fünf Ausrufezeichen. Einfach: «Da sollten wir hinschauen. Das könnte ein Problem werden.» Die Reaktion? «Ja, ja.» «Schauen wir mal.» «Ist halt so.» Thema erledigt. Zumindest scheinbar. Eine Woche später entdeckt jemand anderes genau dasselbe Problem. Nur präsentiert er es anders. Laut. Dringend.

Mit entsprechendem Nachdruck. Vielleicht noch ein bisschen Drama dazu. Und plötzlich verhält sich der ganze Raum wie ein Hühnerstall, in dem gerade der Fuchs steht. Alle rennen. Alle reden. Alle sind alarmiert. Plötzlich ist das Thema wichtig. Dabei war es eine Woche vorher schon wichtig. Es war nur leiser.

Seit wann bestimmt die Lautstärke den Wert eines Gedankens?

Diese Frage stelle ich mir tatsächlich immer wieder. Warum hören wir einem Gedanken anders zu, nur weil er lauter ausgesprochen wird? Warum bekommt ein Mensch mehr Aufmerksamkeit, weil er sich besser inszenieren kann? Und warum übersehen wir manchmal genau diejenigen, die nicht ständig darum kämpfen, gesehen zu werden? Vielleicht weil Lautstärke bequem ist. Sie zwingt uns zur Reaktion. Ein lauter Mensch signalisiert sehr deutlich:

Hier bin ich. Kümmere dich um mich. Ein ruhiger Mensch macht das nicht. Den muss man wahrnehmen. Und das ist wesentlich anspruchsvoller.

Die gefährlichsten Signale sind manchmal fast lautlos

Ich habe über die Jahre etwas beobachtet, das mich vorsichtig gemacht hat. Gerade ruhige, zuverlässige Menschen kündigen ihre Konsequenzen nicht immer wochenlang mit grossem Theater an. Sie machen ihre Arbeit. Sie schlucken vielleicht etwas herunter. Sie beobachten. Sie versuchen es noch einmal. Vielleicht sprechen sie Dinge sogar an. Ruhig. Und werden nicht gehört. Dann verändert sich irgendwann etwas. Manchmal werden sie plötzlich laut.

Das ist bei einem Menschen, der normalerweise ruhig ist, für mich ein ziemlich deutliches Signal. Wenn der Ruhigste im Raum plötzlich auf den Tisch haut, würde ich sehr genau zuhören. Denn wahrscheinlich geht es dann längst nicht mehr um das, was gerade eben passiert ist. Da hat sich möglicherweise einiges angesammelt. Aber es gibt noch eine andere Variante. Und die finde ich fast gefährlicher.

Der Mensch wird noch ruhiger.

Irgendwann ist einfach Ruhe

Er diskutiert nicht mehr. Er widerspricht nicht mehr. Er bringt die Idee kein zweites Mal. Er erklärt nicht mehr, warum etwas aus seiner Sicht falsch läuft. Vielleicht nickt er sogar. Von aussen könnte man denken: Sehr schön. Das Problem hat sich erledigt. Endlich keine Diskussion mehr. Vielleicht hat sich aber überhaupt nichts erledigt.

Vielleicht hat der Mensch nur aufgehört zu glauben, dass es noch Sinn ergibt, etwas zu sagen. Und irgendwann liegt ein Papier auf dem Tisch. «Ich bin weg.» Dann kommt häufig das grosse Erstaunen. Wie? Warum? So plötzlich? Wir haben doch gar nichts gemerkt. Vielleicht war es gar nicht plötzlich. Vielleicht waren die Signale monatelang da. Sie waren nur nicht laut genug.

Ich habe dafür keine Checkliste

Ich würde jetzt gerne schreiben: Das sind die fünf sicheren Anzeichen dafür, dass ein ruhiger Mitarbeiter innerlich gekündigt hat. Kann ich nicht. Und ehrlich gesagt halte ich von solchen Listen auch nicht besonders viel. Menschen sind unterschiedlich. Bei dem einen verändert sich die Körpersprache. Ein anderer zieht sich zurück. Einer spricht weniger. Ein anderer wird ausgerechnet plötzlich lauter. Manchmal ist es nur ein Gesichtsausdruck.

Eine Reaktion, die sonst anders gewesen wäre. Ein Mensch sitzt anders da. Die Energie ist weg. Auf die Frage «Alles gut?» kommt dasselbe «Ja» wie immer. Und trotzdem klingt es nicht wie immer. Wie erkennt man das? Ich weiss es nicht genau. Vielleicht braucht es tatsächlich so etwas wie einen Riecher. Aber vor allem braucht es etwas, das im Führungsalltag erstaunlich schnell verloren geht:

echtes Interesse am Menschen.

Man muss Menschen anschauen, nicht nur ihre Leistung

Ich beobachte Menschen sehr genau. Nicht weil ich sie kontrollieren möchte. Das ist etwas anderes. Mich interessiert: Wie geht es jemandem? Wie kommt er heute herein? Wie spricht er? Wie reagiert er auf die anderen? Ist er so wie immer? Oder ist irgendetwas anders? Das sind keine Kennzahlen. Dafür gibt es kein Dashboard. Und wahrscheinlich auch keinen wöchentlichen KPI.

Trotzdem halte ich diese Wahrnehmung für einen wichtigen Teil von Führung. Denn wenn ich nur reagiere, sobald jemand laut wird, habe ich möglicherweise ziemlich lange nicht hingehört.

Man kann Unternehmenskultur manchmal spüren

Ich habe Unternehmen betreten, in denen ich nach relativ kurzer Zeit etwas Merkwürdiges wahrgenommen habe. Ruhe. Aber keine bedrückende Ruhe. Eine angenehme. Menschen arbeiten. Sie sprechen miteinander. Niemand scheint permanent beweisen zu müssen, wie wichtig er ist. Man sieht Gesichter. Man sieht, wie Menschen miteinander umgehen. Wie jemand angesprochen wird. Ob zugehört wird. Ob Menschen Platz bekommen.

Und manchmal hat man als völlig Fremder innerhalb erstaunlich kurzer Zeit das Gefühl: Hier geht es den Menschen gut. Natürlich kann ein kurzer Eindruck täuschen. Ich kenne die internen Probleme eines fremden Unternehmens nicht. Und ich möchte aus einem Besuch keine wissenschaftliche Kulturdiagnose machen. Aber ich glaube inzwischen trotzdem: Wertschätzung hinterlässt Spuren. Genauso wie fehlende Wertschätzung.

Manchmal sieht man beides, bevor überhaupt jemand darüber gesprochen hat.

Führung zeigt sich vielleicht gerade bei den Leisen

Mit dem Lauten muss ich mich irgendwann beschäftigen. Er sorgt schon dafür. Er meldet sich. Er widerspricht. Er beschwert sich. Er fordert. Vielleicht wird er unangenehm. Aber ich werde ihn kaum übersehen. Der ruhige Mensch stellt eine andere Anforderung an Führung. Denn er zwingt mich nicht, hinzuschauen. Ich muss es von selbst tun. Vielleicht ist genau das der Unterschied.

Laut sein ist nicht falsch

Das möchte ich ausdrücklich sagen. Es gibt Situationen, da braucht es Lautstärke. Es braucht Menschen, die aufstehen. Die deutlich werden. Die etwas auf den Tisch bringen. Ich bin selbst keineswegs immer ruhig. Wenn mir etwas wichtig ist, kann ich ziemlich deutlich werden. Das Problem ist nicht Lautstärke. Das Problem entsteht dort, wo wir anfangen, sie mit Kompetenz, Leistung oder Bedeutung gleichzusetzen.

Ein Mensch ist nicht wichtiger, weil er mehr Sendezeit beansprucht. Und ein Gedanke wird nicht besser, weil er zehn Dezibel lauter ausgesprochen wird.

Vielleicht sollten wir manchmal die Lautstärke ausblenden

Stell dir eine Sitzung vor. Zehn Menschen. Einer redet 40 Prozent der Zeit. Drei weitere teilen sich fast den ganzen Rest. Und irgendwo sitzen Menschen, von denen während der Stunde vielleicht zwei Sätze kommen. Die einfache Schlussfolgerung wäre: Die vier haben die Sitzung getragen. Vielleicht stimmt das. Vielleicht aber auch nicht.

Vielleicht sitzt dort jemand, der nach dem Meeting drei Probleme löst, während andere bereits im nächsten Meeting erklären, was sie im letzten alles gemacht haben. Vielleicht kommt von einem der Ruhigen genau ein Satz. Und genau dieser Satz wäre derjenige gewesen, dem alle hätten zuhören sollen.

Wenn Ruhigsein ohrenbetäubend wird

Ich mag diesen Widerspruch. Denn manche Menschen sind in ihrer Ruhe unglaublich laut. Nicht akustisch. Durch das, was sie tun. Durch Konsequenz. Durch Verlässlichkeit. Durch die Art, wie sie Verantwortung übernehmen. Durch Dinge, die funktionieren, ohne dass jemand jeden Zwischenschritt präsentiert bekommen hat. Und manchmal werden sie auf eine andere Art ohrenbetäubend. Dann nämlich, wenn ihre Ruhe plötzlich bedeutet:

Ich habe aufgehört, mit euch zu diskutieren. Spätestens dann sollte eine gute Führungskraft sehr genau hinhören. Eigentlich wäre es besser, sie hätte es schon vorher getan.

Vielleicht sollten wir in Meetings deshalb gelegentlich weniger darauf achten, wer am lautesten spricht. Und etwas genauer darauf, wer stiller geworden ist. Wer kaum noch widerspricht. Wer einen Gedanken nur einmal sagt und ihn danach nicht mehr verteidigt. Wer jeden Tag zuverlässig Dinge bewegt, ohne dafür eine Bühne aufzubauen. Denn manchmal sind es gerade die Menschen, die wir kaum hören, deren Wirkung am lautesten ist.

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Wenn wir einmal miteinander reden sollten, dann reden wir.

Uwe Grabherr · Hagendorn, Schweiz

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