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S Füfi und s Weggli

Vertrauen muss man aushalten können.

Wer Eigenverantwortung möchte, muss ein Stück Kontrolle abgeben. Über Vertrauen und Verantwortung im Team.

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Eigenverantwortung und permanente Kontrolle passen für mich nicht zusammen. Wer möchte, dass Menschen mitdenken und selbständig handeln, muss ihnen echten Spielraum geben. Das bedeutet nicht, dass Prozesse, vereinbarte Arbeitszeiten oder gesetzliche Vorgaben unwichtig werden. Freiheit braucht klare Grenzen und Verantwortung gegenüber dem Team. Ich messe Vertrauen deshalb nicht daran, wer zuerst kommt oder zuletzt geht. Entscheidend ist, ob die Arbeit gemacht wird und die Menschen füreinander einstehen. Wird Vertrauen enttäuscht, muss Führung reagieren. Wer es ermöglichen will, muss aber auch aushalten, nicht jeden Schritt selbst zu bestimmen. S Füfi oder s Weggli: Für Eigenverantwortung gebe ich ein Stück Kontrolle her.

Die ganze Geschichte

Es gibt einen Satz, den man in der Schweiz vermutlich schon versteht, bevor man richtig rechnen kann: «Du chasch nöd s Füfi und s Weggli ha.»

Die Rechnung dahinter ist denkbar einfach. Du hast einen Füfer. Mit dem kannst du dir ein Weggli kaufen. Danach hast du das Weggli – aber der Füfer ist weg. Oder du behältst den Füfer. Dann gibt es eben kein Weggli. Beides gleichzeitig funktioniert nicht. Eigentlich eine ziemlich simple Lektion.

Und trotzdem denke ich manchmal, dass wir sie in der Führung erstaunlich schnell wieder vergessen.

Vertrauen oder Kontrolle?

Über moderne Führung wird viel gesprochen. Eigenverantwortung. Freiraum. Vertrauen. Selbstständige Mitarbeiter.

Kaum jemand würde heute wahrscheinlich sagen: «Mein Ziel ist es, meine Mitarbeiter möglichst eng zu kontrollieren.»

Und trotzdem passiert manchmal genau das. Nur etwas subtiler.

Man überträgt Verantwortung. Man erwartet, dass jemand mitdenkt. Dass er nicht auf die Uhr schaut, wenn etwas erledigt werden muss. Dass er am Abend noch etwas fertig macht. Dass er erreichbar ist, wenn es wirklich wichtig ist. Dass er auch einmal die Extrameile geht.

Gleichzeitig möchte man aber möglichst genau wissen: Wann war er da? Wann ist er gegangen? Warum war er dort nicht? Warum hat er das so gemacht? Hätte er nicht noch fragen müssen?

Und irgendwann bleibt von der viel beschworenen Eigenverantwortung nicht mehr besonders viel übrig.

Man möchte das Weggli. Aber den Füfer möchte man vorsichtshalber auch behalten.

Dabei ist Kontrolle nicht grundsätzlich falsch

Das ist mir wichtig.

Es gibt Unternehmen, Aufgaben und Situationen, in denen klare Prozesse notwendig sind. Es gibt Arbeitszeiten, die eingehalten werden müssen. Es gibt gesetzliche Vorgaben. Es gibt Tätigkeiten, bei denen eine Übergabe um Punkt sieben eben eine Übergabe um Punkt sieben ist.

Und natürlich muss Führung hinschauen, wenn etwas nicht funktioniert.

Vertrauen bedeutet nicht: Mir ist egal, was ihr macht.

Aber es gibt einen Unterschied zwischen Verantwortung überprüfen und Menschen permanent kontrollieren. Für mich beginnt Vertrauen genau an dieser Grenze.

Ich erlebe jeden Tag, dass es anders funktionieren kann

In unserem Team interessiert mich relativ wenig, wer morgens als Erster da ist. Ich führe auch keine Rangliste darüber, wer abends zuletzt geht.

Es gibt Tage, an denen jemand früher wegmuss. Es gibt andere Tage, an denen derselbe Mensch länger bleibt.

Und es gibt Situationen, in denen überhaupt niemand fragen muss, ob noch etwas gemacht werden sollte. Die Menschen sehen es selbst.

Die Arbeit muss gemacht werden. Also wird sie gemacht. Nicht, weil jemand danebensteht. Sondern weil jeder weiss, dass er Teil eines Teams ist.

Das ist für mich Eigenverantwortung. Und genau deshalb funktioniert Vertrauen überhaupt.

Freiheit hat für mich trotzdem eine Grenze

Wenn alles erledigt ist und jemand früher geht? Kein Problem. Wenn jemand etwas Privates erledigen muss? Auch kein Problem.

Aber wenn es brennt und zehn Menschen kämpfen, kann der Elfte nicht einfach seine Jacke nehmen und verschwinden.

Ein Fussballspiel wird schliesslich auch nicht von zehn Spielern zu Ende gespielt, weil der Elfte nach 70 Minuten beschlossen hat, dass es für ihn heute reicht.

Da endet für mich die Diskussion über persönliche Freiheit. Nicht wegen der Firma. Wegen des Teams.

Freiheit funktioniert nur zusammen mit Verantwortung.

Und Verantwortung bedeutet manchmal auch: Heute bleibe ich. Nicht weil jemand meine Stunden kontrolliert. Sondern weil ich die anderen nicht hängen lasse.

Vielleicht ist das ein Stück Schweizer Arbeitskultur

Ich lebe und arbeite seit vielen Jahren in der Schweiz.

Natürlich gibt es nicht den Schweizer.

Aber eine Haltung begegnet mir hier immer wieder: Im Zweifel lieber eine Extrameile als eine zu wenig. Nicht überall. Nicht bei jedem. Aber oft genug, dass ich es wahrnehme.

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum mich Führung durch Vertrauen so überzeugt.

Denn wenn Menschen Verantwortung übernehmen wollen, braucht man ihnen nicht permanent über die Schulter zu schauen.

Man muss ihnen allerdings auch zutrauen, dass sie es tun. Und genau da wird es für Führungskräfte manchmal schwierig.

Vertrauen muss man aushalten können

Es ist leicht zu sagen: «Ich vertraue meinem Team.»

Schwieriger wird es, wenn Vertrauen bedeutet, tatsächlich ein Stück Kontrolle abzugeben.

Dann entscheidet jemand selbst. Dann organisiert jemand seinen Tag anders, als ich es machen würde. Dann weiss ich vielleicht nicht, warum jemand heute eine Stunde früher gegangen ist.

Und manchmal muss ich diese Information auch gar nicht haben. Solange die Verantwortung wahrgenommen wird.

Das ist für mich vielleicht der entscheidende Punkt: Vertrauen zeigt sich nicht nur darin, was eine Führungskraft erlaubt. Vertrauen zeigt sich auch darin, was sie bewusst nicht kontrolliert.

Natürlich kann dieses Vertrauen enttäuscht werden. Dann muss man reden. Dann muss man handeln.

Und wenn ein Einzelner dauerhaft seine Freiheit auf Kosten des Teams nutzt, funktioniert das Modell irgendwann nicht mehr.

Vertrauen ist keine Naivität.

Aber Vertrauen mit permanenter Kontrolle ist für mich eben auch kein Vertrauen.

Irgendwann muss man sich entscheiden

Vielleicht ist Führung deshalb manchmal tatsächlich so einfach wie ein Schweizer Weggli.

Möchte ich Menschen, die innerhalb klar definierter Grenzen genau das tun, was vereinbart wurde? Das kann funktionieren.

Oder möchte ich Menschen, die selbstständig denken, Verantwortung übernehmen und auch dann handeln, wenn niemand danebensteht? Das kann ebenfalls funktionieren.

Nur wenn ich mich für das Zweite entscheide, muss ich etwas dafür hergeben: ein Stück Kontrolle.

Ich kann nicht maximale Eigenverantwortung verlangen und gleichzeitig maximale Kontrolle behalten.

Ich kann nicht sagen: «Ich vertraue dir.» Und gleichzeitig durch die Hintertür überprüfen, ob dieses Vertrauen auch genau nach meinen Vorstellungen gelebt wird.

Oder, wie man es in der Schweiz etwas einfacher ausdrückt: S Füfi oder s Weggli. Beides gleichzeitig gibt es nicht.

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MITEINANDER REDEN

Vielleicht ist beim Lesen ein Gedanke entstanden.

Wenn wir einmal miteinander reden sollten, dann reden wir.

Uwe Grabherr · Hagendorn, Schweiz

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