HiddenBuddyVeganerschreck. Und die Frage, ob wir einander trotzdem zuhören können.
Die junge Frau hatte sich an der Messe über unseren Namen aufgeregt. Monate später stand sie in meinem Grillkurs. Und ich erkannte sie nicht.
Die vollständige Geschichte auf Deutsch · Google Charon
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MP3 öffnen / herunterladenFelix war das erste Tier, das ich über das Projekt Herbstzeitlose kennenlernte. Sein Porträt hängt bis heute bei uns zuhause. Zu seiner Geschichte gehört ein Grillgeschäft mit einem Namen, der bewusst provozierte: Veganerschreck. Entstanden war er aus einem Witz über meine selbstgemachte Wurst. Im Laden und in unseren Kursen wollte ich darüber sprechen, woher Fleisch kommt, wie ein Tier gelebt hat und was wir von ihm verwenden. Eine junge Veganerin stellte mich deshalb an einer Messe zur Rede. Monate später kam sie mit ihrem Onkel in meinen Grillkurs. Sie lebte weiterhin vegan. Sie musste ihre Überzeugung nicht aufgeben, damit mir diese Begegnung etwas bedeutete. Später wechselte der Geschäftsname zu Grillfürst; Veganerschreck wurde als Verein weitergeführt. Felix blieb. Und mit ihm eine Frage, die sich durch die Geschichte zieht: Können wir einander zuhören, auch wenn am Ende keiner seine Meinung ändert?
Wer zu uns nach Hause kommt, begegnet ziemlich schnell Felix.
Er hängt im Flur, am Treppenaufgang. Ein Tierporträt auf Leinwand. Marlen hat ihn fotografiert, als er noch jung war. Ich liess das Foto drucken, und dort hängt es bis heute.
Felix ist kein Motiv, das wir ausgesucht haben, weil an der Wand noch etwas fehlte.
Ich kannte dieses Tier.
Und dass sein Bild bei uns hängt, gehört zu einer Geschichte, bei der viele Menschen schon beim Namen nicht mehr weiterhören möchten.
Veganerschreck.
So hiess unser Grillgeschäft.
Ich hatte den Namen vorgeschlagen. Mir war klar, dass er provozierte. Dass jemand darüber lachen würde. Dass jemand anderes ihn verletzend oder respektlos finden könnte. Es wäre bequem, heute so zu tun, als hätte ich das damals nicht absehen können.
Aber das wäre nicht ehrlich.
Wie dieser Name und ein Tierporträt in unserem Flur zusammengehören, lässt sich nicht in einem Satz erklären. Es beginnt auch nicht mit Felix.
Es beginnt mit dem Rest in einem Wurstfüller.
Micha war einer meiner früheren Lehrlinge. Er war mir sehr nah, fast wie ein Sohn. Einmal war er bei uns zuhause, während ich Wurst machte.
Fleisch, Gewürze, Wurstfüller, Darm. Anschliessend sollten daraus Rauchwürste werden.
Wer schon einmal mit einem Wurstfüller gearbeitet hat, kennt den Rest, der am Ende darin bleibt. Auch bei mir blieb Brät übrig. Das war zu schade zum Wegwerfen. Also füllte ich es in Schraubgläser und kochte es ein. Im Grunde Bratwurst aus der Dose, nur im Glas.
Ein paar dieser Gläser gab ich Micha mit.
Seine Familie machte eines davon auf. Sein älterer Bruder probierte. Die Schwester ernährte sich vegetarisch. Wie Micha mir später erzählte, stellte sein Bruder ihr das Glas hin und meinte sinngemäss, das Zeug schmecke so gut, es sei ein richtiger Veganerschreck.
Ein Spruch am Familientisch.
Ich war bei diesem Essen nicht dabei. Aber ich hatte natürlich Freude daran, dass meine Wurst so gut angekommen war. Und das Wort blieb hängen. Bei uns tauchte es von da an immer wieder auf, wenn es um Wurst oder Fleisch ging.
Noch war das kein Firmenname. Kein Konzept. Keine Positionierung.
Es war ein Wort, über das wir lachten.
Später standen die Grills da.
Erst die fünf, von denen ich eigentlich nur einen für mich gewollt hatte. Dann die nächsten. Die vier Abendessen hatten ihre Wirkung getan, die Käufer weitererzählt, und irgendwann war aus meinem privaten Wunsch ein Geschäft geworden.
Dieses Geschäft brauchte einen Namen.
Karl und ich sprachen darüber. Er kam mit nachvollziehbaren Vorschlägen. Etwas in Richtung Grill Shop Zug. Ein Name, bei dem man wusste, was angeboten wurde und ungefähr auch, wo.
Ich hatte eine andere Idee.
Lass uns das Ding Veganerschreck nennen.
Karl schaute mich an, als hätte ich jetzt endgültig den Verstand verloren.
Ich kann seine Reaktion verstehen. Da versucht man, ein Geschäft aufzubauen, und der andere schlägt einen Namen vor, der einen Teil der Menschen erst einmal vor den Kopf stösst.
Meine Überlegung war damals: Wir brauchen nicht jeden Menschen im Laden. Wir brauchen die richtigen Menschen. Und wir müssen erzählen, was hinter diesem Namen steckt.
Damit machte ich es uns nicht gerade leicht.
Ein vernünftiger Geschäftsname erledigt einen Teil seiner Arbeit ohne Erklärung. Bei Veganerschreck begann die Erklärung oft schon, bevor wir überhaupt über einen Grill sprechen konnten.
Ich wollte diese Gespräche. Aber ich konnte natürlich nicht bestimmen, wie jemand den Namen empfand. Meine Absicht stand nicht mit auf dem Schild.
Mir ging es um die Lebensmittel, mit denen wir arbeiteten.
Bei Fleisch gehört dazu für mich etwas, das auf einer Verpackung leicht verschwindet: Vorher war da ein lebendes Tier.
Wie hatte es gelebt? Woher kam es? Wie war es gehalten worden? Was geschah bei der Schlachtung? Und was wurde anschliessend tatsächlich von ihm verwendet?
Ich wollte darüber sprechen können. Möglichst konkret. Artgerechte Haltung, eine möglichst stressarme Schlachtung und die Verwertung möglichst vieler Teile waren für mich wichtige Fragen.
Das waren meine Ansprüche. Der Name allein war dafür kein Beleg.
Ebenso wenig löst eine gute Herkunft für jeden Menschen den grundsätzlichen Einwand gegen das Töten eines Tieres. Das sollte später noch sehr deutlich werden.
Aber für meine eigene Arbeit wollte ich genauer hinsehen. Wenn ich Fleisch zubereitete und anderen anbot, wollte ich mehr darüber wissen als den Namen des Zuschnitts.
Dann lernte ich eine junge Bauernfamilie aus einer Nachbargemeinde und ihr Projekt Herbstzeitlose kennen.
Die Familie gab Tieren zusätzliche Lebenszeit. Darunter waren Tiere, die andernorts nicht mehr in die wirtschaftlichen Vorstellungen passten, etwa weil ihre Milchleistung nachgelassen hatte. Ich nannte sie Second-Life-Tiere.
Über Patenschaften konnte man sich beteiligen. Dadurch entstand eine Verbindung, die ich beim gewöhnlichen Fleischeinkauf nicht hatte.
Man konnte das Tier kennenlernen. Seine Geschichte erfahren. Sich damit beschäftigen, wie es lebte.
Felix war das erste Herbstzeitlose-Tier für mich.
Es gab nun einen Namen und ein Bild zu dem, worüber ich sprach. Und damit bekam auch ein Satz in unseren Grillkursen ein anderes Gewicht: Dieses Tier kenne ich. Von diesem Tier war ich Pate.
Das ist etwas anderes, als ein Stück Fleisch aus der Verpackung zu nehmen und die Qualität zu loben.
Für mich wurde die Verbindung dadurch persönlicher. Auch unbequemer. Denn ein Tier zu kennen macht die Frage nach seinem Tod nicht kleiner. Man kann sie schlechter hinter einem Produkt verschwinden lassen.
Ich wollte diese Verbindung in die Kurse mitnehmen.
Unsere Grillkurse sollten zeigen, was mit Lebensmitteln auf einem Grill möglich war. Es ging mir um Handwerk, Herkunft und einen bewussten Umgang damit.
Mit der Zeit übernahmen andere immer mehr von den Kursen. Ich musste nicht ständig selbst vorne stehen. Mir gefiel auch die Rolle daneben: begleiten, Erfahrungen weitergeben, Geschichten erzählen.
Ein Stück Fleisch bereitete ich eine Zeit lang trotzdem gern selbst zu.
Irgendwann mitten im Kurs war es fertig. Ich schnitt es auf und gab es herum. Die Teilnehmer probierten, und der Abend ging weiter.
Am Schluss fragte ich, was besonders gewesen sei. Was am besten geschmeckt habe. Was ihnen im Gedächtnis geblieben sei.
Sehr häufig nannten sie genau dieses Stück.
Dann sagte ich sinngemäss: Leute, das, was euch so gut geschmeckt hat, ist Hundefutter.
Natürlich hatte ich ihnen kein Tierfutter serviert.
Ich wollte erklären, weshalb bestimmte essbare Stücke je nach Zerlegung und Verwertung nicht als solche auf unseren Tellern landen. Handwerkliche Arbeit kann Teile nutzbar machen, die in anderen Abläufen wenig Beachtung finden. Welchen Weg ein einzelnes Stück tatsächlich nimmt, hängt vom Betrieb ab. Mein Satz war die zugespitzte Eröffnung dieses Gesprächs.
Die Teilnehmer hatten zuerst probiert. Sie hatten selbst entschieden, dass es ihnen schmeckte. Erst danach kam die Frage, welchen Wert wir diesem Teil des Tieres normalerweise geben.
Damit war die Diskussion plötzlich sehr nah.
Es ging um etwas, das sie gerade gegessen hatten. Nicht nur um einen allgemeinen Vorsatz, weniger zu verschwenden.
Manche sprachen mich Jahre später darauf an. Über die Kurse entstanden weitere Tierpatenschaften. Das bedeutete mir etwas: Menschen hatten sich weiter mit der Herkunft beschäftigt, nachdem der Abend vorbei war.
Bei einer unserer frühen Messen standen wir an der OLMA in St. Gallen.
Gegen Ende kam eine junge Frau an unseren Stand. Sie war aufgebracht. Der Name Veganerschreck hatte ziemlich genau das ausgelöst, was ich nicht einfach wegdiskutieren konnte: Sie fühlte sich davon angegriffen.
Für sie war das kein lustiges Wort aus einer Geschichte mit einem Wurstglas.
Ich fragte, ob wir miteinander reden könnten. Ruhig, vernünftig. Das kam zunächst auch nicht besonders gut an.
Ich blieb im Gespräch.
Nach und nach erzählte ich, woher der Name kam. Von Micha und der Wurst. Davon, weshalb ich ihn für den Laden gewählt hatte. Von den Tieren, von der Herkunft und von dem, was wir in den Kursen zeigen wollten.
Sie hörte irgendwann zu.
Das bedeutete nicht, dass sie einverstanden war.
Ihre Antwort ist mir sinngemäss so geblieben: Sie könne es jetzt ein Stück weit verstehen. Befürworten werde sie es niemals.
Dann ging sie.
Ich hatte meine Sicht erklärt. Sie hatte ihre behalten. Ich wusste nicht, ob sie später noch einmal darüber nachdenken würde oder ob ich für sie einfach der Mann mit dem unmöglichen Ladennamen blieb.
Für mich war das Gespräch damit zu Ende.
Für sie offenbar noch nicht ganz.
Einige Monate später kamen ein älterer Herr und eine junge Frau in einen unserer Grillkurse.
Sie kam mir bekannt vor.
Ich wusste nur nicht, woher.
Der Mann war ihr Onkel, ein grosser Grill- und Barbecue-Fan. Im Laufe des Abends kam die junge Frau auf mich zu. Sinngemäss fragte sie: Gell, du weisst nicht mehr, wer ich bin.
Nein. Bekannt kam sie mir vor. Zuordnen konnte ich sie nicht.
Es war die junge Veganerin von der Messe.
Die Frau, die sich über unseren Namen geärgert hatte, stand jetzt bei uns im Grillkurs.
Sie erzählte, dass sie weiterhin vegan lebte. Unser Gespräch hatte sie trotzdem beschäftigt. Sie hatte sich danach weiter informiert. Und nun war sie mit ihrem Onkel zu uns gekommen.
Ich habe mich darüber sehr gefreut.
Sie hatte nicht einfach vergessen, dass sie den Namen ablehnte. Sie war nach dieser Begegnung bereit gewesen, noch einmal hinzusehen. Uns bei dem zu erleben, worüber ich gesprochen hatte.
In meiner Erinnerung probierte sie an diesem Abend sogar von jenem besonderen Fleischstück.
Aus dieser Stelle könnte man leicht eine Geschichte machen, in der am Ende einer gewonnen hat. Der Mann vom Grill hat die Veganerin überzeugt. So liesse sie sich kurz und laut erzählen.
Es wäre die falsche Geschichte.
Sie sagte mir, dass sie weiter vegan lebte. Ich respektierte das. Ihre Entscheidung musste nicht anders ausfallen, damit ich mich über ihren Besuch freuen konnte.
Was mir blieb, war, dass sie überhaupt gekommen war.
Nach diesem ersten Gespräch hätte sie allen Grund gehabt, uns nie wieder aufzusuchen. Stattdessen stand sie einige Monate später mit ihrem Onkel da.
Das empfand ich als grosse Ehre.
Als Grillfürst ins Spiel kam, stand auch Veganerschreck zur Diskussion.
Dass dieser Name nicht unverändert neben einer grossen Marke weiterlaufen würde, konnte ich nachvollziehen. Für mich hing eine lange Geschichte daran. Für andere war er zunächst ein schwieriger Geschäftsname.
Der Übergang führte über die Verbindung beider Namen schliesslich zu Grillfürst.
Veganerschreck bekam mit dem Verein eine andere Form. Die Grillkurse waren der Ort, an dem wir die Idee weiterführten: mit Lebensmitteln arbeiten, ihre Herkunft kennen und Menschen etwas davon mitgeben.
Der frühere Name verschwand damit nicht aus den Erinnerungen unserer Kunden. Viele hatten uns darunter kennengelernt.
Ich erinnere mich ebenfalls gern an diese Anfänge. Daraus muss aber keine Erzählung werden, in der früher alles gut und später alles verloren war.
Ein Geschäft entwickelt sich. Ein Name verändert sich. Menschen arbeiten weiter daran, und ein Teil dessen, was ihnen wichtig ist, kann mitgehen.
Für mich gehörten die Gespräche über Lebensmittel dazu.
Und Felix blieb ohnehin bei uns zuhause.
Als ich die Geschichte auf LinkedIn erzählte, löste sie auch deutlichen Widerspruch aus.
Einige fanden den Namen respektlos. Andere widersprachen mir grundsätzlich: Ein Tier zu respektieren und es später zu töten, sei für sie unvereinbar.
Das war ein Einwand gegen meine Haltung, nicht nur gegen meine Wortwahl.
Ich konnte erklären, was ich unter einem verantwortlichen Umgang verstand. Aber ich konnte niemandem vorschreiben, diese Erklärung ausreichend zu finden.
Genau darin lag für mich wieder die Schwierigkeit vom Messestand. Zuhören ist einfach, solange man glaubt, am Ende werde der andere schon zustimmen. Schwieriger wird es, wenn man begreift, dass er die eigene Sicht verstanden hat und sie trotzdem ablehnt.
Dann bleibt der Widerspruch stehen.
In dieser Diskussion kam auch das Angebot pflanzlicher Grillrezepte. Dafür war ich offen. Weshalb sollte eine gute Idee für den Rost uninteressant sein, nur weil wir uns in einer grundsätzlichen Frage nicht einig waren?
Andere Gespräche drehten sich irgendwann im Kreis. Auch sie mussten nicht endlos weitergehen. Ein Gespräch zu beenden muss nicht bedeuten, den anderen abzuwerten.
Ich musste niemanden bekehren. Und ich durfte meine Sicht erklären, ohne für jede Reaktion eine Erwiderung finden zu müssen.
Das Porträt hängt noch immer am Treppenaufgang.
Marlen hat Felix als junges Tier fotografiert. Ich habe das Bild auf Leinwand drucken lassen. Aus dem Tier, das ich kennenlernen durfte, wurde eine Erinnerung, an der wir zuhause immer wieder vorbeigehen.
Das Foto beantwortet keine ethische Streitfrage. Es beweist nicht, dass meine Haltung die richtige ist.
Aber es hält etwas fest, das ich bei der Arbeit mit Fleisch nicht verlieren wollte.
Ein Tier war für mich da gewesen, bevor von einem Lebensmittel die Rede war. Es hatte einen Namen. Und seine Geschichte gehörte dazu.
Die junge Frau von der Messe musste meine Schlussfolgerung daraus nicht teilen. Dass sie trotzdem noch einmal zu uns kam, gehört für mich zu den besonderen Begegnungen aus dieser Zeit.
Vielleicht erzählt genau das am meisten über den Namen, den Karl damals kaum glauben konnte. Er brachte Menschen zum Lachen. Er stiess Menschen vor den Kopf. Und manchmal begann daran ein Gespräch, dessen Fortsetzung ich nicht vorhersehen konnte.
Felix hängt noch immer bei uns im Flur.
Wenn jemand fragt, wer das ist, kann ich von ihm erzählen.
Und dann erst einmal hören, was der andere dazu sagt.
MITEINANDER REDEN
Wenn wir einmal miteinander reden sollten, dann reden wir.
Uwe Grabherr · Hagendorn, Schweiz