HiddenBuddyEin neues Werkzeug. Und wieder ein Anfang.
Am Zeichenbrett entfernte ich Fehler mit der Rasierklinge. Vor meinem ersten CAD-Rechner bekam ich kaum einen geraden Strich hin.
Die vollständige Geschichte auf Deutsch · Google Charon
KI-generierte Stimme. Die Wiedergabe startet erst, wenn du auf Play drückst.
MP3 öffnen / herunterladenAm Anfang stand ich im weissen Kittel vor einem riesigen Zeichenbrett. Fehler in der Tuschezeichnung mussten mit einer Rasierklinge entfernt werden. Als ich von CAD hörte, wollte ich selbst herausfinden, was damit möglich war. Ich besuchte einen IHK-Kurs und investierte privat in Computer und Software. Zu Hause bekam ich zunächst kaum einen geraden Strich hin. Wirklich voran kam ich mit einer Aufgabe für eine Schankanlage: Aus meiner Zeichnung wurde ein Bauteil, das Sirup und Sodawasser mischte. Heute erinnert mich die Arbeit mit KI daran. Ein Werkzeug zu kaufen oder eine Meinung darüber zu haben, ersetzt den eigenen Versuch nicht. Und Lernen beginnt manchmal damit, dass man wieder ziemlich unbeholfen ist.
Der Computer stand im Schlafzimmer. Ich sass davor und bekam kaum einen geraden Strich hin.
Dafür hatte ich gerade eine Menge Geld ausgegeben.
Nicht für irgendein Spielzeug, das man nach zwei Wochen wieder in die Ecke stellte. Ich hatte mir einen Computer und CAD-Software gekauft. Nach meiner Erinnerung entsprach die Ausgabe ungefähr einem halben Jahresgehalt, möglicherweise mehr.
Ich wollte damit konstruieren.
Jetzt musste ich erst einmal herausfinden, wie ich überhaupt vernünftig zeichnete.
Am Arbeitsplatz war ich es gewohnt gewesen, vor grossen Zeichnungen zu stehen und zu wissen, was ich tat. Hier sass ich in einem winzigen Raum vor einem Gerät, das ich unbedingt haben wollte, und kam nicht recht weiter.
Ausgerechnet jetzt fiel mir die Einschätzung meines damaligen Chefs ein: Das Zeichnen am Computer dauere viel zu lange.
In diesem Moment war es schwierig, ihm zu widersprechen.
Mein damaliger Arbeitsplatz hatte mit diesem Schlafzimmer wenig gemeinsam.
Vor mir stand ein Zeichenbrett, nach meiner Erinnerung mindestens sechs Meter lang und drei Meter hoch. Es liess sich in der Höhe verstellen. Daran waren Zeichenmaschinen mit horizontalen und vertikalen Linealen befestigt. Hinter mir stand ein ebenfalls grosser Tisch für Entwürfe und Zeichnungen, die man zum Nachschauen brauchte.
Wir arbeiteten für die Automobilindustrie. In die Formen, die wir konstruierten, mussten ganze Autoseitenwände passen. Gezeichnet wurde im Massstab eins zu eins. Die Grösse des Arbeitsplatzes hatte also einen ziemlich handfesten Grund.
Meistens stand ich bei der Arbeit. Dazu gehörte damals der weisse Kittel. Ein Konstrukteur sah ein bisschen aus wie ein Arzt. Da war auch Berufsstolz dabei.
Wir zeichneten auf Folie. Zuerst mit Bleistift. Wenn der Entwurf stimmte, wurde mit Tusche nachgezogen. Beschriftungen entstanden von Hand in Normschrift. Für Bögen gab es entsprechende Lineale, und manches war tatsächlich Freihandarbeit.
Ein Strich hatte etwas Verbindliches.
War er falsch, liess er sich nicht mit einer Tastenkombination zurücknehmen. Dann kam die Rasierklinge zum Einsatz. Vorsichtig auskratzen, ohne die Folie zu ruinieren. An derselben Stelle liess sich das nicht beliebig oft wiederholen.
Man lernte, genau hinzusehen. Und man kannte den Aufwand, den eine Korrektur mit sich brachte.
In dieser Zeit begegnete mir CAD im Zusammenhang mit Opel und dem Astra. Bei mir blieb die Nachricht hängen, dass ein Auto computergestützt gezeichnet worden war.
Mich beschäftigte sofort die Frage: Wenn das für ein ganzes Auto ging, weshalb arbeiteten wir hier noch ausschliesslich mit Bleistift und Tusche?
Ich wusste damals nicht genau, was hinter diesem computergestützten Zeichnen steckte. Ich konnte mir einiges vorstellen, anderes überhaupt nicht. Schon der Begriff «Layer» war mir fremd.
Am Zeichenbrett kannte ich Folien, die man übereinanderlegte. Nun sollte es möglich sein, solche Ebenen im Computer zu verschieben, auszublenden und wieder zusammenzuführen. Ohne alles neu zeichnen zu müssen.
Das faszinierte mich.
Dabei dachte ich noch lange nicht an die Möglichkeiten, die später mit dreidimensionalen Modellen kamen. Mich beschäftigte zunächst der nächste Schritt: Wie würde meine Arbeit aussehen, wenn ich Striche und Ebenen auf einem Bildschirm verändern könnte?
Ich sprach es im Unternehmen an.
Die Antwort war zurückhaltend. Teuer. Langsam. Noch nicht ausgereift. Und mit dem Computer allein wäre es nicht getan: Die Zeichnung musste schliesslich auch wieder auf Papier kommen. Dafür brauchte es grosse Plotter. Auch der Umgang mit den Daten war ein Thema.
Das waren reale Fragen. Für mich war besonders eine andere wichtig: Wenn ich einen Fehler machte, könnte ich ihn löschen und korrigieren. Ich müsste nicht mehr an der Folie kratzen.
Nur änderte meine Begeisterung zunächst nichts an unserem Arbeitsplatz.
Bei der IHK wurde ein Kurs angeboten. Ich meldete mich an.
Der Einstieg war hart. Ich kannte mich mit Computern nicht besonders gut aus. Jetzt sollte ich gleichzeitig mit einem Computer umgehen und eine neue Art des Zeichnens lernen.
Im Kurs konnte ich nachfragen. Jemand konnte zeigen, wo ich falsch abgebogen war. Ich bekam eine Aufgabe und arbeitete daran.
Dann war der Kursabend vorbei.
Bis zum nächsten Termin hatte ich keine Möglichkeit, weiterzumachen. Andere Teilnehmer konnten an ihrem Arbeitsplatz üben. Ich nicht. Bei uns stand mein Zeichenbrett.
Gerade das störte mich. Ich wollte ausprobieren, wiederholen, an einer Schwierigkeit hängen bleiben und sie lösen. Wenn mir zwischen den Terminen eine Frage einfiel, wollte ich ihr nachgehen können.
Daraus entstand die private Anschaffung.
Im Rückblick klingt das nach einer entschlossenen Investition in die Zukunft. Für mich war es vor allem die Möglichkeit, endlich selbst weiterarbeiten zu können.
Der Computer bekam seinen Platz auf einem Schreibtisch im kleinen Schlafzimmer.
Dort begann die nächste Lektion.
Allein vor dem Bildschirm fühlte sich das Gelernte anders an als im Schulungsraum.
Ich konnte nicht einfach den Lehrer fragen, wie dieser eine Schritt noch einmal gegangen war. Ich musste ihn selbst wiederfinden.
Ich arbeitete mich durch Übungen, versuchte Striche und Formen zu zeichnen, machte Fehler und begann erneut. Manchmal war das Ergebnis ziemlich bescheiden. Ein Klötzchen auf dem Bildschirm war ein Fortschritt. Es fühlte sich aber nicht unbedingt nach dem grossen Durchbruch an, für den man so viel Geld ausgegeben hatte.
Trotzdem merkte ich etwas Entscheidendes.
Wenn ich einen Fehler machte, konnte ich zurückgehen. Einen Schritt. Zwei. Oder mehrere. Dann konnte ich anders weitermachen.
Am Zeichenbrett war die Korrektur selbst eine kleine handwerkliche Arbeit gewesen. Hier konnte ich einen Versuch zurücknehmen, ohne dabei meine Zeichenfläche zu beschädigen.
Genau an solchen Stellen wurde das abstrakte Versprechen der Technik konkret.
Ich war noch langsam. Aber ich begann zu verstehen, weshalb es sich lohnen könnte, schneller darin zu werden.
Nur fehlte den Übungen auf Dauer etwas. Ich wollte nicht immer noch ein anderes Klötzchen zeichnen. Ich wollte etwas machen, das gebraucht wurde.
Im Ort gab es einen Hersteller von Getränkesirup, der auch eigene Schankanlagen baute. Den Sohn des Unternehmers kannte ich aus der Schulzeit. Über diese Verbindung kamen wir ins Gespräch.
Er sah, womit ich mich beschäftigte.
Er hatte Ideen, konnte sie aber nicht selbst zeichnerisch umsetzen. Ich konnte zeichnen und wollte mit dem neuen Werkzeug arbeiten. Plötzlich gab es einen Grund, das Gelernte einzusetzen.
Damit wurde aus der Übung eine Aufgabe.
Wir arbeiteten an einem Bauteil, in dem Sirup und Sodawasser gemischt wurden. Ein komplexer Klotz mit einer ziemlich konkreten Funktion: Am Ende sollte daraus ein Getränk kommen.
Ich konnte lernen und gleichzeitig etwas dazuverdienen. Vor allem aber bekam die Arbeit am Bildschirm eine Richtung.
Ob eine Zeichnung hübsch aussah, war nicht mehr die entscheidende Frage. Das Bauteil musste sich umsetzen lassen und funktionieren.
Und irgendwann war es da.
Das, was ich gezeichnet hatte, existierte als reales Teil.
Dieser Übergang hat mich beeindruckt.
Ich hatte Linien auf einem Bildschirm bearbeitet. Nun war daraus ein Bauteil geworden, durch das Sirup und Sodawasser liefen.
Es brauchte noch etwas Einstellarbeit. Dann kam ein Getränk heraus, das so schmeckte, wie es sollte.
Das ist bis heute ein besonderer Moment für mich: wenn eine Vorstellung die Zeichnung verlässt und in der Wirklichkeit funktioniert.
Die Arbeit bekam dadurch einen anderen Wert. Ich hatte nicht nur eine Softwareübung absolviert. Etwas, das ich am Computer konstruiert hatte, konnte benutzt werden.
Später machten sich drei Mitarbeiter aus dem damaligen Konstruktionsumfeld selbständig. In ihrem Unternehmen gehörte computergestütztes Zeichnen von Anfang an dazu.
Da war es plötzlich hilfreich, dass ich mich bereits damit herumgeschlagen hatte. Ich kannte die Technik nicht nur vom Hörensagen. Ich hatte erlebt, wo sie schwierig war und was ich damit hinbekam.
Die Stunden im Schlafzimmer waren nicht verschwunden, sobald ich sicherer wurde. Sie waren ein Teil davon.
Wenn ich heute mit KI arbeite, erkenne ich manches wieder.
Ich möchte selbst herausfinden, wo mir ein Werkzeug hilft und wo seine Grenzen liegen. Eine fertige Meinung darüber reicht mir nicht.
Ein sehr alltägliches Beispiel ist das Schreiben.
Ich tippe nicht im Zehnfingersystem. Ich bekomme meine Gedanken schneller vom Kopf in den Mund als vom Kopf über die Hände auf die Tastatur. Deshalb spreche ich viel mit dem Computer.
Am Anfang ist das ungewohnt. Man redet mit etwas, das einem nicht als Mensch gegenübersitzt. Es braucht einen Moment, bis man sich dabei nicht mehr seltsam vorkommt.
Dann merkt man, wofür es nützlich ist.
Auch bei fremdsprachigen Formulierungen hilft mir die Technik. Ich kann einiges verstehen, das ich selbst nicht sicher ausdrücken würde. Das Werkzeug nimmt mir nicht die Absicht ab, aber es hilft mir, sie in Worte zu fassen.
Und natürlich funktioniert nicht alles.
Ich habe beispielsweise erlebt, dass ein QR-Code in einer KI-bearbeiteten Grafik anschliessend nicht mehr lesbar war. Er sah noch nach einem QR-Code aus. Nur war er neu gezeichnet worden und erfüllte seine Aufgabe nicht mehr.
Die Lösung war, die Grafik und den tatsächlichen Code getrennt zu behandeln und den funktionierenden Code anschliessend einzusetzen.
Das gehört zum Lernen dazu. Man entdeckt eine Grenze, versteht das Problem und passt die Arbeitsweise an.
So ein Erlebnis bringt mir mehr als der pauschale Satz, KI könne alles. Genauso wenig hilft mir der pauschale Satz, sie könne nichts.
Würde ich die damalige Investition wieder machen?
Ja.
Ich weiss nicht, was passiert wäre, wenn ich einen anderen Weg gewählt hätte. Den kann ich mir im Nachhinein schön oder schlecht vorstellen. Erlebt habe ich diesen.
Die ersten Versuche waren unbeholfen. Das Geld war viel. Und mein Chef hatte in einem Punkt zunächst sogar recht: Ich war langsam.
Aber ich habe gelernt, was dieses Werkzeug konnte. Aus dem Lernen wurde Arbeit. Aus der Zeichnung ein Bauteil. Aus dem Bauteil ein Getränk.
Ich habe Geld schon viel dümmer ausgegeben.
Wenn ich heute vor etwas Neuem sitze und noch nicht richtig damit zurechtkomme, denke ich gelegentlich an dieses kleine Schlafzimmer.
Ich muss nicht so tun, als wäre ich schon weiter.
Ich darf wieder der sein, der erst einmal einen geraden Strich hinbekommen muss.
MITEINANDER REDEN
Wenn wir einmal miteinander reden sollten, dann reden wir.
Uwe Grabherr · Hagendorn, Schweiz