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Was soll ich mit einem Uhrmacher?

Zum Glück hatte das Team eine andere Einschätzung.

Ich las «Uhrmacher» und sah die Verbindung zu unserer Arbeit nicht. Das Team liess ihn mitarbeiten. Danach hörte ich besser zu.

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In einer Minute

Ein gelernter Uhrmacher wollte bei uns mitarbeiten. Mein erster Gedanke war sinngemäss: Was soll ich mit einem Uhrmacher? Beim Mitlaufen zeigte sich, was ich aus der Berufsbezeichnung nicht erkannt hatte: handwerkliche Fähigkeiten, administrative Stärke und eine mögliche Entlastung im Alltag. Er wurde eingestellt. Die Geschichte handelt von meiner vorschnellen Einschätzung – und davon, Menschen und dem Team genug Raum für ein genaueres Bild zu geben. Zusammenarbeit endet dabei nicht mit einer Unterschrift. Sie braucht Zeit, Vertrauen und die Bereitschaft, Reibungen anzusprechen. Unser gemeinsamer Abschluss am Samstag gehört für mich dazu.

Die ganze Geschichte

Was soll ich mit einem Uhrmacher?

Das war mein erster Gedanke.

Da war ein Mensch, der bei uns mitarbeiten wollte, und ich blieb zunächst an seiner Berufsbezeichnung hängen. Uhrmacher. Wir verkauften Grills.

Die Verbindung war für mich nicht sofort sichtbar.

Ich könnte im Rückblick so tun, als hätte ich gerade darin augenblicklich etwas Besonderes erkannt. Als hätte ich mir gedacht, dass dieser ungewöhnliche Hintergrund genau das Richtige für uns sei.

So war es nicht.

Zuerst hatte ich ein Fragezeichen im Kopf.

Zum Glück musste daraus noch keine endgültige Entscheidung werden.

Komm erst einmal mit

Wir kannten uns bereits. Ich lud ihn ein, bei uns mitzulaufen und sich die Arbeit anzuschauen.

Was wollte er genau machen? Was konnte er gut? Und wo würden diese Fähigkeiten bei uns tatsächlich gebraucht?

Diese Fragen liessen sich am Schreibtisch nur teilweise beantworten. Er konnte mir von seiner bisherigen Arbeit erzählen. Ich konnte versuchen, sie mir in unserem Alltag vorzustellen.

Beim Mitlaufen bekam das eine andere Grundlage.

Es ging nicht mehr nur um einen beruflichen Hintergrund. Es ging um konkrete Arbeit, um Menschen und um die Dinge, die bei uns jeden Tag zu erledigen waren.

Das Team erlebte ihn dabei ebenfalls. Seine Einschätzung bekam Gewicht.

Aus dem ersten Fragezeichen wurde ein genaueres Bild.

Fähigkeiten, für die wir Verwendung hatten

Er konnte handwerklich arbeiten. Und er war administrativ gut.

Beides war bei uns hilfreich.

Es gibt Kunden, die ihren Grill fertig aufgebaut haben möchten. Das klingt zunächst nach einer kleinen Zusatzleistung. Dahinter steckt aber Arbeit, für die jemand Zeit haben und die er zuverlässig übernehmen muss.

Auch in der Administration und im Kontakt mit Kunden gibt es Aufgaben, die sich nicht dadurch erledigen, dass man sie auf eine Liste schreibt.

Nun war da jemand, der an solchen Stellen etwas beitragen konnte.

Die Frage nach dem Uhrmacherberuf verlor dadurch an Bedeutung. Viel interessanter wurde, wie seine Fähigkeiten zu den Aufgaben passten, die wir wirklich hatten.

Diesen Unterschied finde ich wichtig.

Man kann eine Stelle beschreiben und dann nach einem Menschen suchen, dessen Lebenslauf möglichst genau darauf passt. Man kann aber auch einem Menschen begegnen und genauer hinsehen, wo er etwas mitbringt, das gebraucht wird.

In diesem Fall hätte meine erste Reaktion dafür nicht gereicht.

Er wurde eingestellt.

Mein erster Gedanke war zu klein

Was mich an dieser Erinnerung beschäftigt, ist nicht allein die Entscheidung am Ende.

Es ist der kurze Weg von einer Berufsbezeichnung zu einem Urteil.

Ich lese ein Wort und meine, schon ungefähr zu wissen, was dahintersteckt. Ich sehe, was nicht zu meinem gewohnten Bild passt. Was ich noch nicht sehe, kann trotzdem da sein.

Beim Uhrmacher war es genau so.

Er musste nicht erst einen anderen Berufstitel bekommen. Ich musste ein genaueres Bild von ihm bekommen.

Das ist leichter gesagt als getan. Im Alltag trifft man viele Entscheidungen unter Zeitdruck. Eine Bewerbung, ein Gespräch, eine erste Einschätzung. Man braucht Anhaltspunkte.

Nur sollte man sie nicht mit dem ganzen Menschen verwechseln.

Für mich gehört deshalb zum Kennenlernen, wie jemand auf eine Aufgabe reagiert. Ob er nachfragt. Wofür er sich interessiert. Ob er sich etwas zutraut und wo er Unterstützung braucht.

Ein Stück Papier kann davon erzählen. Die Zusammenarbeit zeigt noch einmal etwas anderes.

Manchmal ist da erst eine Glut

Ich spreche in diesem Zusammenhang oft vom Feuer in den Augen.

Damit meine ich keine vorgeführte Begeisterung. Niemand muss im Bewerbungsgespräch eine Show veranstalten oder sich besonders laut verkaufen.

Mich interessiert, ob jemand will. Ob er an etwas Freude hat. Ob es eine Richtung gibt, in der er gern besser werden möchte.

Manchmal sieht man das sofort.

Manchmal ist zunächst nur eine Glut da. Dann braucht es eine Aufgabe, einen Versuch oder etwas Vertrauen, damit daraus mehr werden kann.

Das lässt sich nicht erzwingen. Und es ist auch kein Versprechen, dass aus jeder Begegnung eine gute Zusammenarbeit wird.

Aber ich möchte mir die Chance lassen, es überhaupt zu erkennen.

Beim Uhrmacher war die Chance da, weil wir nach meinem ersten Gedanken nicht aufgehört hatten. Er konnte mitlaufen. Andere konnten sich ein Bild machen. Wir konnten konkrete Fähigkeiten sehen.

Erst dadurch bekam die Entscheidung eine tragfähige Grundlage.

Das Team muss mitkommen können

Mit der Einstellung ist eine Zusammenarbeit noch nicht fertig.

Jemand kommt dazu, bringt Erfahrung mit und findet eine Gruppe vor, die ihre eigene Geschichte hat. Es gibt Gewohnheiten, Zuständigkeiten und Wege, die sich eingespielt haben.

Nun verändert sich etwas.

Damit die zusätzlichen Stärken wirklich helfen, müssen Menschen miteinander arbeiten können. Es reicht nicht, dass ich als Verantwortlicher eine gute Idee für die Aufgabenverteilung habe.

Die Beteiligten müssen verstehen, was sich verändert. Sie brauchen Gelegenheit, sich kennenzulernen. Und sie müssen sagen können, wo etwas nicht funktioniert.

Dabei gehört Reibung zum Alltag.

Unterschiedliche Menschen betrachten eine Sache unterschiedlich. Einer arbeitet auf eine Weise, die der andere erst kennenlernen muss. Auch ein gut gemeinter Vorschlag kann zunächst als Kritik ankommen.

Meine Aufgabe sehe ich dann darin, hinzuschauen und die Zusammenarbeit zu ermöglichen.

Ich möchte nicht wie ein Leitwolf über einer Gruppe stehen. Ich möchte, dass die Menschen ihre Arbeit machen können und dass ihre unterschiedlichen Stärken gemeinsam etwas ergeben.

Das braucht manchmal ein Gespräch. Manchmal Klarheit. Manchmal eine Grenze.

Vor allem braucht es Aufmerksamkeit auch nach dem ersten guten Eindruck.

Am Samstag ist die Woche noch nicht ganz vorbei

Wir arbeiten von Dienstag bis Samstag. Wenn wir am Samstag den Laden schliessen, ist die Arbeitswoche für mich deshalb noch nicht mit dem Abschliessen der Tür beendet.

Wir setzen uns gemeinsam hinten raus und trinken ein Bier.

So haben wir es seit dem Anfang des Ladens gehalten. Ob es heiss ist, stürmt oder schneit, spielt dabei keine entscheidende Rolle.

Dieser gemeinsame Abschluss ist mir wichtig.

Unter der Woche kann es anstrengend werden. Dinge laufen schief. Menschen geraten aneinander. Einer ärgert sich über etwas, das der andere vielleicht ganz anders gemeint hat.

Wenn dann jeder einfach nach Hause geht, nimmt er womöglich etwas mit, das über das Wochenende grösser wird, als es sein müsste.

Das gemeinsame Sitzen soll einen anderen Abschluss ermöglichen.

Es löst nicht automatisch jeden Streit. Ein Bier ersetzt kein notwendiges Gespräch. Und nicht jedes Problem verschwindet, nur weil Samstag ist.

Aber wir nehmen uns einen Moment, in dem wir als Menschen zusammensitzen. Die Woche darf zu Ende gehen.

Für mich gehört das zur Zusammenarbeit genauso wie die Verteilung von Aufgaben.

Zuhören, auch wenn die Antwort nicht passt

Ich kann viel darüber sagen, dass mir Menschen wichtig sind.

Interessant wird es dort, wo die andere Sicht etwas an meiner Entscheidung ändern muss.

Wenn ich das Team um eine Einschätzung bitte, muss diese Einschätzung Gewicht bekommen dürfen. Auch dann, wenn sie nicht zu meinem ersten Gedanken passt.

Sonst habe ich zwar gefragt. Zugehört habe ich dann nur eingeschränkt.

Bei der Bewerbung des Uhrmachers war mein Blick zunächst enger als das, was sich in der gemeinsamen Arbeit zeigte.

Ich musste keine besondere Eingebung haben, um das zu ändern. Ich musste die Erfahrung, die andere und ich beim Kennenlernen machten, gelten lassen.

Daran möchte ich mich erinnern, wenn mir wieder einmal ein beruflicher Weg nicht sofort einleuchtet.

Vielleicht fehlt dem Bewerber etwas.

Vielleicht fehlt aber auch mir noch ein Stück vom Bild.

Was geblieben ist

Die Geschichte braucht keinen Namen und keine genaue Aufzählung früherer Arbeitgeber. Sie handelt für mich von einem Moment, in dem mein erster Gedanke noch lange nicht alles erfasst hatte.

Ich sah einen Uhrmacher.

Dann lernten wir einen Menschen bei der Arbeit kennen.

Dazwischen lagen Zeit, ein Versuch und die Bereitschaft, die eigene Vorstellung zu verändern.

Diese Bereitschaft möchte ich mir erhalten.

Denn wenn ich jemanden nur danach beurteile, ob ich seinen bisherigen Weg auf Anhieb verstehe, erfahre ich womöglich nie, was mit ihm möglich gewesen wäre.

Was soll ich mit einem Uhrmacher?

Ich bin froh, dass wir die Antwort gemeinsam herausgefunden haben.

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MITEINANDER REDEN

Vielleicht ist beim Lesen ein Gedanke entstanden.

Wenn wir einmal miteinander reden sollten, dann reden wir.

Uwe Grabherr · Hagendorn, Schweiz

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